Im Patriarchat ist jeden Tag Männertag!

Männlichkeit kritisch reflektieren!

Toxische Männlichkeit*: Was ist das eigentlich?

Unsere Gesellschaft ist von Geschlechterrollen geprägt. Die Geschlechterrollen, wie wir sie in der Gesellschaft vorfinden, werden von Kindesbeinen an einstudiert und eingeübt. Sie scheinen durch die kulturellen Praxen wie angeboren. In unserer Gesellschaft herrscht ein patriarchales Männlichkeitsideal, dieses Rollenbild beeinflusst wie Männer* in unserer Gesellschaft sozialisiert werden und trägt maßgeblich zur Manifestation des Patriarchats bei. Soziologisch wird dabei von „hegemonialer Männlichkeit“ gesprochen, damit wird die historische Vorherrschaft von Männlichkeit in der Gesellschaft beschrieben. In diesen Rahmen ist auch toxische Männlichkeit einzuordnen. 

Männlichkeit* ist stark mit Erwartungen aufgeladen und so muss diese immer wieder aufs Neue unter Beweis gestellt werden. Das beginnt bereits im Kindesalter, wenn Jungen* „keine Mädchen*“ sein sollen, zieht sich durch die Phase des „Erwachsenwerdens“, während der diese Erwartungen einen enormen Einfluss auf die Entwicklung haben und wird schließlich auch im Alter eingefordert.

Um nicht mit vermeintlich weiblichen Attributen in Verbindung gebracht zu werden, entsteht der Eindruck, dass Männer* sich permanent beweisen müssten. Dies geschieht durch Wettbewerb untereinander und wird ritualisiert  in der eigenen Bezugsgruppe wiederholt, wie zum Beispiel im Rahmen von Mutproben. So manifestieren sich die Vorstellungen von Männlichkeit* und werden schließlich als Normalität betrachtet.

Es geht bei toxischer Männlichkeit* nicht darum, jedes Verhalten von männlich sozialisierten und identifizierenden Personen per se als negativ zu brandmarken. Vielmehr geht es darum die Wirkmacht weit verbreiteter Stereotype und repressiven Vorstellungen der männlichen* Geschlechterrolle aufzuzeigen. Diese bestimmen maßgeblich welche Verhaltensweisen, Emotionen und welches Auftreten von Jungen* und Männern* akzeptiert werden und welche unerwünscht sind. Das „toxische“ an dieser Idealvorstellung von Männlichkeit* hat  demnach sowohl negative Auswirkungen für Männer*, als auch für Frauen*. Auch Personen, die sich nicht in die starre binäre Einteilung der Geschlechter einteilen wollen und können, erleben Nachteile durch die gesellschaftliche Vorstellung von Männlichkeit*. Doch keine Sozialisation und keine hegemoniale Männlichkeit kann eine Entschuldigung für sexistisches und frauenverachtendes Verhalten darstellen: jeder Mann ist für sein eigenes Verhalten verantwortlich und hat unweigerlich die Pflicht, Sexismus und patriarchale Denkmuster an sich selbst zu beseitigen!

Unser Umgang mit toxischer Männlichkeit* und ihren Folgen

Trotz Fortschritten in der Gleichberechtigung und das Infragestellen von Männlichkeit wurden die männlichen Dominanzstrukturen nicht überwunden. Sie haben sich gewandelt, angepasst und neu gebildet. Obwohl sich profeministische und aufgeschlossene Männer* bereits in unserer Gesellschaft organisieren, muss berücksichtigt werden, dass wir gegen einen gesellschaftlichen Rollback ankämpfen müssen. Männer* fühlen sich durch feministische Diskurse häufig eher angegriffen und unter Druck gesetzt und das hat seinen guten Grund: Feminismus ist kein Service-Angebot. Schon gar nicht für Männer*. Es gibt zur Zeit keine breit akzeptierte soziale Praxis von „Männlichkeit*“ die aus emanzipatorischer Sicht als unbedenklich erscheint. Der Feminismus muss sich vor Männern* nicht rechtfertigen. Dennoch: Von einer kritischen Auseinandersetzung mit toxischer Männlichkeit* profitieren alle Menschen, auch Männer* können so konkret einen anderen Umgang mit Männlickeit* finden. Es ist klar, eine Veränderung in der Gesellschaft werden wir nur gemeinsam stemmen können.

Konsequenzen für unsere eigene Verbandsarbeit

Wir sind ein feministischer Richtungsverband, zum Glück definieren sich bei uns auch sehr viele Männer* als Feministen. Häufig fehlen aber Handlungsoptionen und das eigene feministische Selbstverständnis beschränkt sich auf die Solidarisierung mit feministischen Kämpfen. Für uns ist essentieller Bestandteil dieses Kampfes, Männlichkeit*zu reflektieren und für unser Verständnis als feministischer Verbandes zu sensibilisieren. Klar ist: den feministischen Kampf und die Befreiung der Frau* gelingt nur, wenn alle daran teilhaben. Dabei darf niemals vergessen werden: Feminismus liegt die Idee zugrunde, Männer* eben nicht als Bezugs- oder Mittelpunkt der Gesellschaft zu sehen. Die Aufgabe feministischer Männer* definieren wir klar als Verbündete in diesem Kampf, die mit der Reflektion des eigenen Männlichkeits*bildes und gesellschaftlicher Stereotype einen ersten Schritt zur Bekämpfung von Sexismus gehen müssen. In der Begrifflichkeit der hegemonialen Männlichkeit* wurde auch die Intersektionalität herausgearbeitet. Hierbei spielt Rassismus genauso eine Rolle wie Homo- und Transphobie. Dabei werden andere Formen von Männlichkeit* unterdrückt und marginalisiert. Genau diese Perspektive müssen wir bei unseren politischen Kämpfen mitdenken, unser Feminismus ist intersektional!

Unser Ziel ist, dass alle ein  Verständnis von der eigenen Sozialisation und Subjektivierung erlangen und diese im Anschluss kritisch zu reflektieren. Zugang zu Diskussionen zur kritischen Männlichkeit bekommen. Dafür wollen wir einen Referent*innenpool für entsprechende Bildungsangebote für die Kreisverbände, Bezirke und Landesverbände zur Verfügung stellen. Wir werden auf allen Veranstaltungen des Bundesverbandes darauf achten, Männlichkeit* und unsere feministische Debatten als lila Faden durch alle Politikbereiche ziehen zu lassen und auch im persönlichen Umgang miteinander zu leben.

Wir wollen Awareness für Probleme schaffen, die durch toxische Männlichkeit* entstehen. Vielen ist oft überhaupt gar nicht bekannt, was toxische Männlichkeit* bedeutet und wie diese sich auswirkt. Unsere Aufgabe muss es sein, dass Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und eine Debatte über kritische Männlichkeit* anzustoßen, die nicht nur im Rahmen unseres Verbandes stattfindet.

Awarenessteams

Durch bereits jetzt schon vorhandene Awarenessteams bei unseren Veranstaltungen tragen wir dazu bei, dass sexistisches Verhalten in einem „safe space“ angesprochen werden kann und nötige Schritte dagegen eingeleitet werden. Bestenfalls bestehen die Awarenessteams bei Veranstaltungen des Bundesverbandes sowohl aus Bundesvorstandsmitgliedern als auch aus Nicht-Bundesvorstandsmitgliedern, letztere sind optimalerweise Personen, die von der Bezirks- oder Landesebene mit der Awarenessteam-Arbeit bereits vertraut sind. Wir sorgen dafür, dass Awarnessteams auf allen unseren Veranstaltungen präsent sind. Problematisches Verhalten, welches auch durch die Vorstellung von Männlichkeit in unserer Gesellschaft entsteht, sagen wir somit ganz klar den Kampf an! Durch eine ständige Reflektion unserer Awarenessarbeit wollen wir wo es notwendig ist nachbessern. Den Awarenessleitfaden des Bundesvorstands wollen wir den Vorständen unseres Verbandes, als Orientierung, auf geeignete Weise zur Verfügung stellen und damit ein Angebot schaffen die örtliche Awarenessarbeit zu unterstützen. Vorhandenes Wissen in unserem Verband wollen wir noch stärker als bisher nutzen. Im Rahmen unserer Awarenessarbeit wollen wir auch physisch einen safe space schaffen und FLINT*-Räume auf unsere Großveranstaltungen etablieren. Außerdem wollen wir zum Beispiel am Rande von Großveranstaltungen Raum zur Vernetzung von Awarenessteams zum Austausch und zur gegenseitigen Weiterbildung schaffen. Der Bundesvorstand wird zudem beauftragt, die Möglichkeiten zur Einrichtung einer dauerhaften Awarenessstruktur im Bundesverband zu prüfen. Nur mit verlässlichen und geschulten Ansprechpartner*innen und einer Professionalisierung unserer Awareness-Arbeit kann die Betroffenenperspektive angemessen berücksichtigt und Sexismus strukturell bekämpft werden. Dies könnte auch die Möglichkeit bieten eine Ansprechstelle für die Landesverbände und Bezirke zu schaffen.

Genderplena

Regelmäßig stattfindende Genderplena auf unseren Veranstaltungen sind ein weiterer Schritt, um toxischer Männlichkeit zu begegnen.

Die Trennung in ein Frauen*plenum und ein Plenum zur kritischen Reflektion von Männlichkeit ermöglicht es einerseits für Frauen* in unserem Verband einen „safe space“ zu schaffen, bei dem ein Erfahrungsaustausch ermöglicht wird, der empowernd wirken soll. Frauenplena müssen zudem die Möglichkeit haben, Diskussionspunkte an das Männlichkeits*reflexionsplena weiterzugeben.  Damit wollen wir außerdem an die bereits erfolgte Frauen*vernetzung der letzten Jahre anknüpfen. Andererseits kann in einem kritischen Männlichkeitsreflektionsplenum dafür gesorgt werden, dass Männer* in unserem Verband sich ihrer privilegierten Stellung in der Gesellschaft bewusst werden, Männlichkeitsbilder kritisch reflektieren und somit auf eine Problematik aufmerksam gemacht werden, die im Alltag eher nicht aus feministischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Zusätzlich zu Genderplena wollen wir eine queere Vernetzung in einem geeigneten Format ermöglichen.

Partei

Auch in der SPD wollen wir das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Awarenessarbeit und kritischer Männlich*keitsreflektion stärken. Auf dem Bundesparteitag 2017 in Berlin wurde beschlossen dauerhafte Ansprachesturkturen für Vorfälle von sexualisierter Gewalt in der Partei schaffen zu wollen und in besonders schweren Fällen auch die Schiedskommissionen konsequent zum Einsatz kommen zu lassen. An diesen Beschluss wollen wir anknüpfen, Awarenessstrukturen in der SPD vorantreiben und die Debatte um toxische Männlichkeit* mit und in der SPD führen. Wir wollen kritische Männlichkeit als Thema für die gesamte Partei öffnen. Denn Feminismus ist unserer Vorstellung nach der lila Faden unseres Handelns. Die Bekämpfung von Sexismus, Ausgrenzung und männlicher Dominanz in unseren Strukturen muss eine Selbstverständlichkeit in unserer Partei werden. Wir wollen dazu außerdem verstärkt den Austausch mit den anderen Arbeitsgemeinschaften der SPD suchen, um diesem Ziel näher zu kommen.

Dies wurde auf dem Bundeskongress der Jusos 2019 in Schwerin beschlossen.